Der Begriff Detox steht im neuen Sprachgebrauch für Entgiften und seit einiger Zeit hat die Wellnessbranche diesen Trend für sich entdeckt. Wenn man das Wort Detox googelt, bekommt man 199 Millionen Links: wow das scheint wirklich eine Erfolgsgeschichte zu sein.

Jedes neue Jahr beginnt mit den fantasievollsten Entgiftungsdiäten. Das Schuldgefühl für die Exzesse im Zusammenhang mit den Feiertagen ist stark, und wir versuchen es wieder rückgängig zu machen indem wir aus der Vielzahl der vorgeschlagenen Protokolle wählen, in der Hoffnung, den entstandenen Schaden beseitigen zu können, indem wir so schnell wie möglich alle “schrecklichen” Giftstoffe entfernen, die sich in fünfzehn Tagen Ernährungswahnsinn angesammelt haben. Ein gemeinsames Merkmal der entgiftenden Diäten ist ihre absolute Rigidität, eine brutale Einschränkung, die im Extremfall auf Säften, einer Handvoll Obst und Gemüse und wenig anderem basiert. Zitrone und Ingwer sind immer vorhanden, vielleicht begleitet von Cayennepfeffer, ein wenig Suppe, Gemüsepüree, Extrakte, Hülsenfrüchte und Liter Kräutertees. Hüte dich vor Früchten, die mit gefährlicher Fruktose gesättigt sind, niemals Lebensmittel tierischer Herkunft – wenn du darauf bestehst, einem gedämpften Pitchfilet – und streng glutenfreies Getreide.

Diejenigen, die diese Diäten vorschlagen, sagen, dass unser Körper nach diesen drakonischen Maßnahmen jedes angesammelte Gift los wird, ohne Probleme abnimmt und Gesundheit und Schönheit zurückkehren und alle Schmerzen und Beschwerden beseitigt werden. Wunderbar! Und logischerweise mangelt es nicht an Prominenten, die die Vorteile hervorheben werden, die sie von dieser oder jener Entgiftungsdiät hatten. Es ist schade, dass es uns, wenn wir von der goldenen Welt der Berühmten zu den weniger glamourösen, aber sicherlich zutreffenderen Daten aus der Welt der wissenschaftlichen Forschung übergehen, an soliden Fakten mangelt, um diese reinigenden Leidenswege zu unterstützen.

 

Aber was sind das für Toxine?

Apropos Entgiftung und Toxine, der Begriff Toxin, ein zentraler Begriff im Zusammenhang mit diesen Diäten, hat hier ganz  eine andere Bedeutung. Korrekterweise beschreibt das Wort Toxin eine Substanz, die bereits in kleinen Dosen schädliche Auswirkungen auf lebende Organismen hat und verschiedenen Ursprung  haben kann: mikrobiell (Bakterien, Pilze, Viren), pflanzlich (Phytotoxine), tierisch (Zootoxine). Im Zusammenhang mit diesen Diäten umfasst aber der Begriff “Toxin” jede Substanz, von der angenommen wird, dass sie Probleme in unserem Körper verursacht, mit besonderem Schwerpunkt auf synthetischen Produkten – den sehr gefürchteten Chemikalien wie chemische Zusatzstoffe, Farbstoffe, Verunreinigungen wie Schwermetalle und Pestizide, Konservierungsmittel, Süßstoffe und natürliche Stoffwechselprodukte, freie Radikale, Harnstoff, Schleim usw.

Es besteht kein Zweifel daran, dass viele dieser Stoffe tatsächlich problematisch sind: Es muss immer geklärt werden, wieviel und wie oft. Der Kontext ist wichtig.

In vielen Fällen stammt der Nachweis für die Gefährlichkeit einer Substanz aus In-vitro- oder Tiermodellstudien mit sehr hohen Konzentrationen der Prüfsubstanz, d.h. Mengen, die im wirklichen Leben beim Menschen nicht erreicht werden können. Dabei ist zu berücksichtigen, dass selbst Wasser in unangemessen großen Mengen ein Problem für unseren Organismus darstellen und eine potenziell tödliche akute Vergiftung verursachen kann.  Auch die fantastischen Mineralsalze, die im Sommer sehr oft eingenommen werden, können  eine dunkle Seite haben: Eine zu hohe Kaliumzufuhr kann unter besonderen Bedingungen zu Hyperkaliämie führen, die sogar tödliche Herzrhythmusstörungen verursachen kann.  Außerdem gibt es Substanzen, die für einige Tierarten giftig sind, aber für den Menschen nicht giftig sind: Wussten Sie, dass das Theobromin in Schokolade für Hunde potenziell tödlich ist?

Es gibt viele Stoffe, die potenziell gefährlich sind; für viele dieser Stoffe wurden Verträglichkeit-Höchstgrenzen festgelegt, innerhalb derer sie täglich problemlos angewendet werden können. Dies ist der Fall der Pestizide und anderer Verunreinigungen, deren Konzentrationen  in den Lebensmitteln ständig von den zuständigen Behörden überwacht wird.

Je nach chemischer Beschaffenheit können sich bestimmte Stoffe in bestimmten Geweben ansammeln und langfristig Probleme verursachen. Dies ist bei Schwermetallen wie Quecksilber, Blei, Arsen, Cadmium und Chrom der Fall. Das sind echte Gefahren, aber sie sollten nicht übertrieben werden. Aus Angst vor Quecksilber gibt es Menschen, die Fische vollständig aus der Nahrung verbannen und sich wertvolle Nährstoffe entziehen, da sie sich vor einem reell sehr geringes Risiko fürchten.

Und bei bestimmten Produkten die im Rahmen der Stoffwechselprozesse entstehen ist klar, dass unser Organismus durchaus in der Lage ist, sie zu neutralisieren, sonst wären wir nicht hier, um diese Thematikfragen zu diskutieren.

 

Brauchen wir wirklich eine Entgiftungsdiät?

Hört man den Anhängern der Entgiftungstheorie zu, könnte der Eindruck entstehen, dass der menschliche Körper den ständigen Angriff durch diese Giftstoffe völlig wehrlos ausgesetzt ist. Das ist nicht der Fall: Leber, Nieren, Lunge, Darm und andere Organe arbeiten jederzeit hart daran, Giftstoffe und Stoffwechselabfälle zu entfernen.

Zwei Enzymklassen in unserer Leber, die Enzyme der Phase I und Phase II, spielen eine wichtige Rolle bei Entgiftungsprozessen.

All diese Entigtungsproteine, die vor allem in Leber und Nieren vorkommen, können Schwermetalle binden und tragen auch zur Neutralisierung von freien Radikalen und zum Abbau von oxidativen Belastungen bei.

Viele dieser Enzyme sind induzierbar: Ihre Anwesenheit in der Zelle kann als Reaktion auf den Verzehr bestimmter Lebensmittel steigen oder sinken. Damit kommen wir immer zum gleichen Schluß: durch eine adäquate Ernährung, die nicht als Crash-Diät durchgeführt werden sollte, sondern eine tägliche Gewohnheit werden sollte, kann unser Organismus seine inneren Entgiftungsprozesse steuern und fördern! Die Wirksamkeit dieser Verteidigungsmuster kann durch die Ernährung moduliert werden, nicht durch Entbehrung und unkontrollierte und kritiklose Einnahme von Nahrungsergänzungsmittel, sondern durch den Verzehr von Lebensmitteln, die reich an Substanzen sind, die die Aktivität dieser Enzymfamilien stimulieren können.

 

Aber bringen diese Detox-Diäten was????

Sobald festgestellt ist, dass nicht alles ein Gift ist und unser Körper eine eigene feine Abwehrstrategie gegen wirklich problematische Substanzen hat, bleibt abzuwarten, ob die viel gepriesene Entgiftungsdiät auf Basis von Säften und Gemüse wirklich funktioniert.

Wenn man sich die wissenschaftliche Forschung ansieht, ist die Antwort definitiv negativ. Es gibt nicht viele Studien und die wenigen verfügbaren sind oft mit zu wenigen Probanden, mit nicht standardisierten Protokollen, meist in Abwesenheit von Kontrollgruppen und oft auf der Grundlage qualitativer und subjektiver Messungen, und nicht auf der Grundlage quantitativer Daten (z.B. qualitativ: ich fühle ich mich wohler, quantitativ: wenn man bei solchen Ernährungsstudien die Veränderungen eines bestimmten Parameters misst, zum Beispiel Homocystein oder andere Entzündungsparameter).

Die wenigen korrekt durchgeführten wissenschaftlichen Studien mit Kontrollgruppen zeigten keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Effekten einer typischen Zitronen- und Ingwer-Entgiftungsdiät und einer normalen Diät mit ähnlicher Kalorienrestriktion.

Selbst in Studien, die eine Verbesserung einiger spezifischer Parameter – Fettmasse, Insulinresistenz, C-reaktives Protein – gezeigt haben, stellen die Autoren fest, dass alle gefundenen positiven Effekte einfach auf die für diese Diäten typische, meist sehr strenge Kalorienrestriktion zurückzuführen sind.

In der Praxis wirkt genau diese Strategie und das ist deutlich nachweisbar: Die Vorteile dieser trendigen Diäten sind einfach auf die starke Reduzierung der Kalorienzufuhr durch einen vermehrten Verzehr von Gemüse und Obst zurückzuführen. Mit diesen Diäten verlieren Sie schnell an Gewicht – Achtung: keine Fettmasse! – und erhöhen die Zufuhr von Vitaminen und Mikronährstoffen, die in Pflanzen vorhanden sind, die vielleicht vorher in kleineren Mengen aufgenommen wurden.

Können diese Detoxdiäten schädlich sein?

Hier geht es um sog Diäten, die man pauschal zu Jahresbeginn oder kurz vor dem Sommer in Zeitschriften oder online findet, extreme Diäten oft mit industriellen Mengen an Wasser und Zitrone, ein paar zufälligen Gewürzen und spärlichen Mahlzeiten auf der Basis von Säften und Nahrungsergänzungsmitteln, den sog Detox-Produkten des Moments.

Die wissenschaftliche Bestätigung ihrer Wirksamkeit ist nicht vorhanden, aber die potenziellen Probleme sind gut dokumentiert: sie reichen von den banalsten Beschwerden wie Schwäche, Migräne, schwere Müdigkeit bis hin zu den schwersten, vor allem bei Personen, die möglicherweise gesundheitliche Probleme haben, regelmäßig Medikamente einnehmen und die möglichen Folgen solcher starren Systeme nicht berücksichtigt haben.

Viele dieser Diäten empfehlen einen Konsum von Unmengen an industriellen Nahrungsergänzungsmitteln, die ein wenig von allem enthalten – und in der Regel erhebliche Kosten verursachen – oft auch Diuretika und Abführmittel, die zu Dehydrierung und Veränderungen im Wasser-Salz-Gleichgewicht führen könnten, oder den Konsum von exotischen Lebensmitteln, seltenen Gewürzen, Beeren aus dem fabelhaften Dschungel des Ostens und des Amazonas – zumindest etwas bekömmlichen, reinigenden Kräutertee – und so weiter, in einem Jubel der ebenso teuren wie unnötigen Käufe, die sicherlich nur eine Sache reinigen: Ihr Bankkonto vom Geld. Für verpasste Chancen gibt es keine Wunderpillen!

DIE GEMEINNÜTZIGE STIFTUNG „SENSE ABOUT SCIENCE“ HAT 15‑ PRODUKTE MIT DETOX-LABEL UNTERSUCHT UND ALLE GETESTETEN PRODUKTE ALS „ABSOLUT WIRKUNGSLOS“ EINGESTUFT. WAS HALTEN SIE VON DIESEN ERGEBNISSEN?

 

Die meisten sog Entgiftungsdiäten sind mehr oder weniger clevere kommerzielle Ideen, die geschaffen wurden, um unsere Ängste auszunutzen, unseren Wunsch, in kürzester Zeit Ergebnisse zu erzielen, unsere Schuldgefühle als Folge einer problematischen Beziehung zur Nahrung und, ganz allgemein, mit der stressigen Umgebung, die uns umgibt.

Wir halten uns besser davon fern.

Wenn wir unserem Körper – der immer noch gut alleine zurechtkommt – wirklich helfen wollen, die Belastung mit problematischen Substanzen aus der Umwelt effektiver zu bewältigen, gibt es nur wenige Dinge, die wir einfach, aber wirklich nützlich tun können:

Ungesundes aus unserem Haus und Arbeitsplatz verbannen: Entledigen Sie sich aller ungesunden Nahrungsmittel in Ihrer Umgebung. Kaufen Sie keine Chips, Kekse, Craker, Bonbons, Schoko ……..so kommen Sie gar nicht erst in Versuchung.

ausreichend trinken, Wasser ist für die einwandfreie Funktion unserer Entgiftungs- und Ausscheidungsorgane unerlässlich, die Xenobiotika und Nebenprodukte des Stoffwechsels beseitigen;

essen Sie frische, nährstoffreiche, naturbelassene Lebensmittel, die Sie selbst kochen! (keine Fertigprodukte)

– Achten Sie auf einen angemessenen Verzehr von grünem Blattgemüse, Spinat, Mangold, Kohl und Salaten;

versuchen Sie Knoblauch, Zwiebel, Porree und Kreuzkümmel sowie Brokkoli, Blumenkohl, Wirsing, Rosenkohl mit einer gewissen Häufigkeit zu konsumieren: Sie sind reich an wertvollen Stoffen, die die Aktivität der für die Entgiftungsprozesse verantwortlichen Enzyme anzuregen;

saisonale Gemüse- und Obstprodukte

mehr Gewürze verwenden, womöglich die Kräuter unserer Tradition, wie Salbei, Thymian und Rosmarin, Origanon,….und logisch auch Kurkuma, Saffran, Curry bis zum Zimt

– Versuchen Sie, eine gute Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen, insbesondere mit Kalzium, Eisen, Selen, Zink und Magnesium, sicherzustellen;

– Wenn Sie abnehmen wollen, versuchen Sie die Energiezufuhr (KH und Fett) etwas zu drosseln damit der Organismus seine eigenen Energiedepots anzapft und ein intermittierendes Fasten einzubauen.

regelmäßigeBewegung: aktiv bleiben. Mangelnde Bewegung ist ein ebenso großes Risiko wie Übergewicht.

ausreichend schlafen mindestens 1-2 Stunden vor Mitternacht, ohne elektronische Geräte (Fernseher, Handys, Computer) in Ihrem Schlafzimmer.

Ich hoffe, dass Sie nicht glauben, dass fünfzehn Tage Buße die Probleme, die durch einen falschen Lebensstil entstehen, lösen können. Anstatt auf eine wundersame Lösung hinzuarbeiten, versuchen Sie, eine gesunde und ausgewogene Ernährung zu haben, die Ihren Bedürfnissen entspricht, aktiv zu sein und Stress zu kontrollieren. Ihr Körper kümmert sich effektiv um die Giftstoffe. Seien Sie vorsichtig mit denen, die Ihnen Pulver, Extrakte und Zubereitungen, Kaffeeeinlauf und verschiedene Annehmlichkeiten verkaufen, umso mehr, je höher der Preis ist. Wenn Sie der Meinung sind, dass Sie echte Probleme haben, konsultieren Sie einen kompetenten Arzt oder einen Lebensmittelprofi und geraten Sie nicht in ein Durcheinander mit diesen „reinigenden“ Spielzeugen, die auch gefährlich sein können.

Es kommt also immer auf die langfristige Modifikation des eigenen Lebensstils an.

 

 

 

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